Ansprache von Urs Martin anlässlich der 1. Generalversammlung der AVES Thurgau.

Sie mögen sich fragen, warum heute eine stattliche Zahl von Persönlichkeiten aus dem wunderschönen Kanton Thurgau zusammengekommen sind, um die Thurgauer Sektion der Aktion für eine vernünftige Energiepolitik Schweiz neu zu gründen, nachdem die Aktivitäten der Vorgängerorganisation AVES Münsterlingen Mitte der 90er-Jahre eingestellt wurden.

Warum braucht es die Aktion für eine vernünftige Energiepolitik – kurz AVES – im Kanton Thurgau überhaupt?

AVES heisst „Aktion für eine vernünftige Energiepolitik“ und nimmt damit den Begriff „Vernunft“ für sich in Anspruch.

Ein grosses Wort.

„Vernunft ist so etwas wie eine ansteckende Gesundheit“ (Alberto Moravia, ital. Schriftsteller). Gerade in der Energiepolitik ist es besonders wichtig, Vernunft walten zu lassen.

Auch Ethiker brauchen das Wort Vernunft. Sie sagen, Ethik sei die Vernunft des Ganzen.

AVES nimmt ebenfalls das Ganze ins Blickfeld.

Unsere zwei grössten Energieprobleme stehen weder in Beznau noch in Gösgen. Sie stehen in der Garage und gleich daneben im Heizungskeller. Die Hälfte der Energie brauchen wir für unsere Gebäude und weitere 30 Prozent für die Mobilität. Nur ein Fünftel ist Strom – und dieser ist zu fast hundert Prozent CO2-frei.

Hier fängt AVES an. AVES nennt für sämtliche Formen der Energieerzeugung und -umsetzung die Vorteile und Nachteile.

AVES trägt Physik und Volkswirtschaft zurück in die Politik und schlägt Lösungen zum Nutzen des Energiekunden, der Wirtschaft und der Umwelt vor.

Aktuell lenkt die offizielle Energiepolitik mit den Problemen der Strommarktöffnung vielfach von den tatsächlichen Energieproblemen ab. Für mich ist die Schweizer Form der Strommarkt-Liberalisierung in Tat und Wahrheit eine Regulierung. Für mich ist eine regulierte Marktöffnung aber keine Marktöffnung. Man kann ja auch nicht ein bisschen schwanger sein.

Ein kleines Beispiel: Die offizielle Energiepolitik hat das nationale Stromnetz verstaatlicht. Und der Staat benützt es als Inkassostelle für neue Abgaben. Diese Abgaben werden im Giesskannenprinzip für erneuerbare Energien verteilt. Man hat also den Begriff Subventionen über die Hintertüre wieder eingeführt. Wir nennen sie vornehm KEV (Kostendeckende Einspeisevergütung) – und bezahlen tun daran alle: Wirtschaft und Gewerbe am meisten mit künftig rund 320 Millionen Franken im Jahr – und der Stromkunde immer noch zu viel – im Schnitt 40 Franken pro Jahr und Haushalt. Nimmt man die restlichen Abgaben auf den Strom hinzu – Wasserzinsen, Konzessionen, Steuern usw. – werden aus den 40 Franken im Jahr rasch einmal 200 Franken pro Haushalt im Jahr.

Die Marktöffnung hat also in vielen Bereichen zum Gegenteil von dem geführt, was wir einmal wollten. Die Strompreise sind gestiegen statt gesunken.

Warum, meine Damen und Herren, braucht es die AVES Thurgau? Die Energiepolitik wird ja in Bern gemacht – von oben nach unten – und gleichzeitig von unten nach oben.

Von oben nach unten, indem der Bund eine Energiepolitik auf vier Säulen umsetzt:

  • mehr Energieeffizienz
  • mehr erneuerbare Energien
  • Den Bau von Grosskraftwerken
  • und die Energie-Aussenpolitik.

Von unten nach oben. Etwa in Form der so genannten Energiestädte. Da können sich inzwischen bald 200 Stadt- und Gemeindeammänner für ein paar zehntausend Steuerfranken für Honorare ein Energiestadt-Diplom an die Wand nageln. AVES würde von den Kommunen eigentlich erwarten, dass sie auch ohne Energiestadt-Zertifikat mit Energie und Umwelt vernünftig umgehen.

Was will die AVES Thurgau?

Sie will den Akteuren der kantonalen Energieszene auf die Finger schauen! Natürlich soll der Thurgau die erneuerbaren Energien fördern, soll der Thurgau Massnahmen für mehr Energieeffizienz unterstützen.

Ja – der Kanton soll aufklären und beraten, er soll für das vielfältige Thema Energie sensibilisieren.

Aber er soll den Energiefranken nicht zum Fenster hinaus werfen für ein paar positive Schlagzeilen.

AVES sagt JA zu Solarwärme-Kollektoren – weil die Solarwärme CO2 einsparen hilft.

AVES sagt aber Nein zu beliebigen Photovoltaik-oder Windkraft-Anlagen, weil

a)
Solarstrom nur bei Sonnenlicht entsteht
b) Windstrom nur bei Wind erzeugt wird
c) Solarstrom brutto mehr CO2 emittiert als beispielsweise Wasserkraft
d) Solarstrom 50 mal mehr Kupfer und 100 mal mehr Aluminium braucht, als dies konventionelle Systeme tun.

Doch AVES sagt auch JA zur vernünftigen Nutzung der Holzenergie. Aber wir erwarten, dass solche Anlagen mit Restholz betrieben werden – effizient und umweltschonend. Das Waldholz hingegen möchte AVES lieber als Möbel in die gute Stube stellen, anstatt es im Ofen verbrennen.

Wenn wir die erneuerbaren Energien fördern wollen, brauchen wir keine Subventionen. Wir brauchen Forschung. Denn noch nie haben Subventionen eine neue Technik vorangebracht. Im Gegenteil: sie schläfern ein. Aber Gelder für die Forschung und Entwicklung – die bringen uns weiter. Und am besten eingesetzt sind die Mittel sowieso für eine bessere Energieeffizienz.

AVES bekennt sich zur modernen Atomenergie. Kernforschung ist seit 50 Jahren der Schlüssel für den Fortschritt: vom Computer bis zur Medizintechnik – von der Brennstoffzelle bis zum CERN: am Anfang steht und stand Nuklearforschung. Ich frage mich, warum man den erneuerbaren Energien mehr Entwicklungspotenzial zutraut als der Kernenergie!

Trotzdem – oder gerade deswegen – erwartet AVES von den Verantwortlichen der Atomenergie, dass sie endlich Führungsverantwortung übernehmen – und sich untereinander auf eine zielführende und verständliche Atomenergiepolitik einigen. Es ist für uns nicht nachvollziehbar, was sich derzeit zwischen Axpo, Alpiq und BKW in der Atomfrage abspielt. AVES Thurgau lädt die Verantwortlichen dieser drei Firmen gerne zu einem Klausurwochenende ins Kloster Fischingen ein, damit sich die Herren in Demut einer seelischen Läuterung unterziehen können – und sich auf eine Politik einigen, die vom Bürger verstanden wird.

Ich komme zum Schluss.

AVES ist nicht die Speerspitze der Atomlobby. Zur Erinnerung: Die Atomenergie wurde nicht von der bösen Atomlobby lanciert. Sie war eine Forderung von den zwei sozialdemokratischen Bundesräten Willi Spühler und Willi Ritschard und dem Schweizer Naturschutz. Wie recht sie doch damals hatten.

Im Gegensatz zu vielen Grünen und einigen Linken sind wir nicht stehen geblieben – erst recht nicht am 26. April 1986. Wir sind offen für erneuerbare Energien, wir sind offen für die Erforschung der Geothermie, wir bleiben offen für Wasserkraft und Atomenergie. Ich danke Ihnen.

Weinfelden, 23. Juni 2010.

24.06.2010 | 1216 Aufrufe