RBON. Sein Rücktritt war kurzfristig. Urs Martin, SVP-Kantonsrat aus Romanshorn, ist seit August nicht mehr Präsident von AVES Thurgau (Aktion für eine vernünftige Energiepolitik). Der Verein stand bis am Montagabend unter der interimistischen Leitung von Vorstandsmitglied Hans von Wyl. An der Generalversammlung haben die Mitglieder den Unternehmer Thomas Nägeli zum neuen Präsidenten gewählt.

Der Rücktritt von Urs Martin hat mit Unstimmigkeiten im Vorstand von AVES Thurgau zu tun. Sie sind aber nicht besonders gravierend: Martin bleibt dem Verein als Mitglied erhalten. Mit dem Präsidentenwechsel hat sich der Verein auch für einen Wandel in der Philosophie entschieden.

Ausstieg aus Atomenergie

«Wir sind nicht die letzten Atom-Gurgeln in diesem Land, also die Vorgestrigen, die um neue AKW beten», sagte der frischgewählte Präsident Nägeli. Eine vernünftige Energiepolitik setze voraus, dass die politischen Realitäten akzeptiert würden. «Und das bedeutet in der Schweiz einen Rückzug aus der Atomkraft.» Aber wie er vollzogen werden soll, darüber werde wohl noch ziemlich viel gestritten. Nägeli erläutert, es sei wichtig, dass beispielsweise das Wissen rund um die Atomenergie weiterhin erhalten bleiben müsse. Denn irgendwer müsse die AKW abschalten. «Etwas plakativ gesagt: Sonst machen das die Chinesen. Und wer weiss, ob wir ihnen vertrauen können.» Nägeli betonte, dass er ein Unternehmer und kein Politiker sei. «Für mich zählen Fakten, für Politiker stehen Interessen im Vordergrund». Er machte deutlich: Für die AVES Thurgau zählten also wieder Kilowatt, Kilowattstunden, und weniger die Glaubensbekenntnisse der Politik. Sich mit Fakten zu beschäftigen heisse, nicht immer nach Bern zu schauen, die Aufgaben lägen vor der eigenen Haustüre, in den Städten und Gemeinden des Thurgaus. Denn es heisse «Aktion für vernünftige Energiepolitik», sagte Nägeli, es heisse nicht «Aktion für neue Atomkraftwerke».

AVES werde sich bemerkbar machen, meinte der neue Präsident. Beispielsweise beim Netzbericht der Regierung, denn «er blendet die tatsächlichen Kosten elegant aus».

Verschiedene Szenarien planen

«Stromnetze als Achillesferse der Energiewende?» Mit diesem Thema beschäftigte sich Dieter Reichelt als Mitglied der Geschäftsleitung der Axpo Power AG und Leiter der Division Netz. Die Energiewende werde das Energiesystem grundlegend umbauen, meinte er zu Beginn seines Referats, das er an der AVES-Versammlung hielt. «Die Probleme werden zunehmen, die Netze haben weniger Reserve und sind über gewisse Stunden ausgereizt», sagte er. Die dezentrale Produktion falle zufällig an, beispielsweise bei Photovoltaikanlagen, die mehr Strom produzierten als verbraucht werde.

«Gefordert sind Flexibilität, eine kontinuierliche Optimierung und langfristige Investitionen», sagte Reichelt. Durch Trends wie e-mobility werde der Energieverbrauch steigen, zeigte er sich überzeugt.

Kurt Peter, Thurgauerzeitung, 21. Oktober 2015.

21.10.2015 | 1826 Aufrufe