Ansprache von Urs Martin zum 1. August 2001. Gehalten in Sommer (TG).

Liebe Einwohner und Einwohnerrinnen von Sommeri,
geschätzte Frau Gemeindeammann,
sehr verehrte Damen und Herren,

Wir sind heute hier zusammengekommen, um einen Geburtstag zu feiern. Die Schweizerische Eidgenossenschaft feiert ihr 710 jähriges Bestehen.

Die Schweiz, und das wissen wir alle bestens, ist bedeutend mehr als nur Uhren, Schokolade, Käse und das Matterhorn. Mehr als 7 Bundesräte, mehr als ein Volk konservativer in den Alpen lebenden Berglern, oder ein Volk von Bankiers, wie Voltaire es einst ausdrückte, denen man, wenn sie aus dem Fenster springen, nachspringen sollte, da es dann garantiert auch noch etwas zu verdienen gäbe.

Meine Damen und Herren, die Schweiz ist ein in sehr vielen Belangen einzigartiger Staat. Ein Staatenbund, aus 26 Kantonen, vier verschiedene Landessprachen, 7 Millionen Einwohner verschiedenster Kulturen und eine Vorzeigedemokratie, die ihres gleichen sucht.

Wo sonst auf der Welt ist den Bürgern durch eine weitestgehend direkte Demokratie soviel Mitsprache gegeben, wo sonst können Bürger über die politischen Sachgeschäfte abstimmen und falls sie genügend gleichgesinnte finden auf demokratischen Wegen Parlament und Regierung in die Knie zwingen?

Wo sonst gibt es eine Regierung, in der alle grossen Parteien in einer Kollegialbehörde vereint sind und wo es kein eigentliches Staatsoberhaupt gibt? Und wo sonst gibt es ein ähnlich – zumindest grösstenteils – harmonisches Zusammenspiel bei der Aufgabenteilung zwischen dem Staat und den einzelnen Regionen und Gemeinden – das Stichwort Subsidiarität wäre hier zu erwähnen!

Ich glaube unsere direkte Demokratie ist einer der wichtigsten Bausteine, der die Einzigartigkeit unseres Landes und dessen Einwohner nachhaltig geprägt hat.

Die direkte Demokratie bringt aber nicht nur immer Vorteile und es wird in den letzten Jahren heftigst über eine Staatsleitungsreform, oder einer Wahl unserer Landesregierung durch das Volk gesprochen. Ein Grund dafür ist, dass unsere Regierungsbeschlüsse meist mit dem Tempo unserer Nachbarländer nicht mithalten können, da alle Entscheide auf Kompromissen beruhen. Der Wahlschweizer Albert Einstein sagte einmal: „Im Falle eines Atomkrieges gehe ich in die Schweiz, denn dort findet alles zwanzig Jahre später statt als anderswo.“

Ob nun aber schneller immer besser und was viel wichtiger ist, wünschenswerter für die Zukunft unseres Landes ist, möchte ich an dieser Stelle entschieden bezweifeln. Denn schon manchmal war Herr und Frau Schweizer froh, keine übereilten und schwer wieder rückgängig zu machenden Entscheide getroffen zu haben! In der Schweiz geht nicht alles so ruckartig und schnell voran, wie in unseren Europäischen Nachbarstaaten, einer derer nach dem 2. Weltkrieg mehr Regierungen gezählt hat, als Jahre, oder wie beispielsweise in Amerika, aber dafür wird bei uns derjenige in die Regierung gewählt, der am meisten Stimmen hat, nicht derjenige, der die besten Anwälte und einen Bruder hat, die Stimmen für ungültig erklären!

Wie schon erwähnt, ist Schweizer Demokratie einzigartig, oder denken Sie nur mal an die Tatsache, dass in einigen kleinen Kantonen bis vor wenigen Jahren die meisten politischen Geschäfte Landsgemeinde abwickelten, in der direktesten demokratischen Form, die mir bekannt ist. Allerdings war dafür die Tatsache, dass die Stimmberechtigten ihre Säbel anstelle ihrer Frauen mitnahmen weit weniger demokratisch – und heute ist zumindest die politische Gleichberechtigung gewährleistet.

Die Schweiz ist aber auch ein Ort der Sicherheit – wo sonst in der Welt ist es möglich, dass man das Staatsoberhaupt auf der Strasse ohne Begleitschutz trifft und mit ihm über seine täglichen politischen Geschäfte diskutieren kann und seine Kritik direkt loswerden? – Wo sonst kann der UNO-Generalsekretär Bergwanderungen praktisch ohne Sicherheitskräfte unternehmen oder ein Amerikanischer Staatspräsident auf einer Autobahnraststätte eine Pizza essen? Ich glaube dies ist ein weiterer Aspekt, den unser Land so einzigartig macht.

Und in welchem Kleinsstaat, den wir nur halt mal aufgrund unseres Ausmasses sind, sind so viele internationale Organisationen beheimatet, wie in der Schweiz. Ich erinnere hier an das IKRK, die UNO, das IOC, die FIFA und viele weitere währen noch zu erwähnen!

Und wenn wir von Sicherheit sprechen, so bleibt es zu erwähnen, dass die Schweiz, gleich hinter Russland, die zweitgrösste Armee auf dem Europäischen Kontinent hat und zwar in Effektivbeständen, nicht proportional zur Bevölkerung. – Ob dies nun heutzutage noch notwendig sei, oder nicht, darüber kann man geteilter Meinung sein.

Eine weitere mit der letzten verwandten Besonderheit, die mir erst klar wurde, als ich Freunde aus dem Ausland bei mir zu Besuch hatte, die dann sehr schnell erschocken sind, ist, dass jeder Schweizer sein eigenes Sturmgewehr (inkl. Munition) zu Hause hat und dass damit praktisch keine Straftaten begangen werden.

Herr und Frau Schweizer sind durch all diese Tatsachen geprägt worden, in der mittlerweile über 700 jährigen Erfolgsgeschichte ihres Landes – und ich spreche bewusst von Erfolgsgeschichte, denn welches Land auf dieser Welt hat sich seit 1815 aufgrund einer Neutralität, die fest in der Bevölkerung verankert ist, jedwelchen kriegerischen Aktivitäten ausserhalb ihres Landes enthalten und seit mittlerweile über 150 Jahren auch keine Bürgerkriege mehr erlebt? – Sie sehen meine sehr verehrten Damen und Herren, es fällt ihnen schwer, ein ähnliches Beispiel zu erbringen – vielleicht am ehesten wäre da noch der Vatikanstaat zu erwähnen, aber selbst dieser ist seit dem vorletzten Jahrhundert fest in Schweizer Händen – und damit meine ich nicht den Einfluss von Schweizer Erzbischöfen sondern die Schweizergarde!

All diese Gegebenheiten haben uns geprägt und machen uns und damit unsere Eidgenossenschaft zu dem, was sie ist. Der typische Schweizer von heute neben den allgemein gültigen Eigenschaften wie Pünktlichkeit, mit einem Hang Sauberkeit oder einem beachtlichen Organisationstalent, eher zurückhaltend und meist ziemlich bescheiden.

Eine weitere schweizerische Eigenschaft, ist das Nationalgefühl. – Wenn ich Sie fragen würde, ob Schweizer eher nationalbewusst sind, oder nicht, so bin ich mir ziemlich sicher, das die meisten von Ihnen sagen würden, dass wir Schweizer ein sehr ausgeprägtes Nationalgefühl haben. Nun, meine Erfahrungen an 5 Sessionen des Europäischen Jugendparlaments haben mir eher das Gegenteil bewiesen.

Herr und Frau Schweizer verleugnen zwar ihre Herkunft in keinster Weise, jedoch verhalten sich die Schweizer im Ausland sehr diskret und meist lässt – abgesehen von ihrer gemächlichen Sprechweise – nichts auf ihren Ursprung schliessen. Da verhalten sich andere Nationen komplett verschieden. Wir Schweizer sind nicht wie Holländer, die man von weitem aufgrund ihrer orangen Kleidung erkennt, wie Iren, die wo immer sie sind bewusst als Iren auftreten (mit allen Konsequenzen), wie Deutsche, die Ihre Kultur ins Mittelmehr exportieren, oder wie Kroaten, die im Ausland stolz ihre Flagge präsentieren. Auch innerschweizerisch sind wir eher zurückhaltend, so wird zum Beispiel an unseren Schulen die Nationalhymne nicht mehr gelehrt und der grösste Teil der Bevölkerung kann nicht mehr als die ersten 2 Zeilen singen! – Ein Vergleich unserer Fussballnationalmannschaft mit der Brasilianischen fällt nicht nur beim Spielen, sondern auch beim Singen verheerend aus!

Unser 1. August-Abzeichen besteht seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr aus einem reinen Schweizerkreuz, weil sich die Schweizer es eben manchmal als unangenehm erachten ein wenig mehr Nationalgefühl zu zeigen. Doch was ist Nationalgefühl überhaupt?

Der 1986 verstorbene österreichische Schriftsteller und Schauspieler Helmut Qualtinger definiert es folgendermassen: „Nationalgefühl ist, wenn man sich für seine Nation schämt.“

Nach dieser Definition ist es unbestritten, dass wir Schweizer Nationalgefühl haben, oder haben sie in den letzten paar Jahren nie ein alpines Skirennen geguckt und sich nach 3-fachem österreichischem Sieg und miserabler Leistung unserer Landsleute für die Schweizerische Skinationalmannschaft geschämt? – Ich bin mir dessen ziemlich sicher.

Wir Schweizer sind eben zurückhaltender als andere bezüglich unseres Nationalgefühls – was aber nicht heisst, dass wir weniger mit unserem Herkunftsland verbunden sind. – Wir haben es anlässlich unseres Nationalfeiertages auch nicht nötig protzige Militärparaden zu veranstalten, wie dies beispielsweise unserer westlicher Nachbar in eindrücklicher Weise zu zelebrieren pflegt. – Es muss auch nicht unbedingt negativ sein, wenn man bezüglich Nationalgefühl eher zurückhaltend ist. Zu viel Nationalgefühl, ein übermässiger Nationalstolz wäre ja auch nicht gut, denn Stolz bedeutet ja Überheblichkeit und wir haben keinerlei Gründe überheblich zu sein – wie uns die Geschichte immer wieder belehrt.

Aber dennoch meine sehr verehrten Damen und Herren, ermuntere ich sie, sich der besonderen Qualitäten unseres Heimatlandes bewusst zu sein und sich auch nicht zu scheuen, zu diesen zu stehen. Weiter fordere ich Sie auf ein gesundes Mass an Stolz – im Sinne von Freude und Dankbarkeit – auf unsere politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Errungenschaften entgegenzubringen und auch in Zukunft die mittlerweile 710 Jahre dauernde Erfolgsgeschichte unseres Landes weiterzuschreiben!

Ich wünsche Ihnen noch einen besinnlichen Nationalfeiertag.

Sommeri, 1. August 2001.

01.08.2001 | 1530 Aufrufe