Immer mehr Schweizer Städte verkaufen etwas, was es so gar nicht gibt: Öko-Strom. Und täglich mehrt sich die Zahl jener Orte, die aus etwas aussteigen, aus dem man physikalisch gar nicht aussteigen kann: Aus dem Atomstrom.

Woher rührt der sonderbare Durchmarsch vieler Versorger zum reinen Gutmenschentum? Von der Nähe vieler Versorgungsunternehmen zur Politik, einem gegenüber Physik und Fakten weitgehend resistenten Haufen, der sich täglich auf Kosten der Energiekunden anschickt, mittels Stromverteuerung einen Heiligenschein aufzusetzen – oder zumindest eine grüne Patina überzuziehen.

 

„Schein-Aussteig“

Mit Wirklichkeit hat dies herzlich wenig zu tun. Zwar halten die grossen Atomausstiegs-Städte wie Zürich, Genf, Basel oder Bern namhafte Beteiligungen an hochalpinen Wasserkraftwerken im Bündnerland, Berner Oberland oder Wallis. Mengenmässig sind diese imstande, einen Teil ihres Strombedarfs zu decken. Den nicht geringen Rest steuern aber unsere eigenen sowie französische Atomkraftwerke, das internationale Stromhandels-Casino und ein paar Prozent Eigenproduktion aus «Ökostrom» bei. Dazu zählt sinnigerweise auch Strom aus eher rauchigen Kehrichtverbrennungsanlagen, der so zu später Umweltehre gelangt.

Der Umstieg von Atom- zu Strom aus Wasserkraft, der in diesen Monaten landauf landab zum Rückzug grüner Vorstösse in Parlamenten und zu Schlagzeilen für durchaus bürgerliche Stadtoberhäupter sorgt, ist eine der bösartigsten Erscheinungen dieser Zeit und damit vergleichbar, dass ein findiger Basler aus dem Rhein Wasser abfüllt und es als reines Thur-Wasser verkauft. Auch wenn wir uns auf den Kopf stellen, beträgt der Strom-Mix in unserem Netz übers Jahr hinweg ungefähr sechzig Prozent Wasserkraft und vierzig Prozent Atomstrom. Wenn nun die Städte Kontingente an Wasserstrom bestellen, ist dies bestenfalls virtuell, denn die Anteile an Atom- und Wasserstrom im Netz bleiben physikalisch dieselben.

 

Gas und Kohle CO2-neutral?

So fliesst beim «atomstromfreien» Kunden in Frauenfeld oder in der Äbtestadt Wil derselbe Strom-Mix aus der Steckdose wie beim Kunden in den benachbarten Gemeinden Gachnang oder Münchwilen. Die Saubermänner in Strom-Helvetien verlieren derweil ihre «Unschuld» auch im internationalen Massstab. Eine hochdekorierte Ökostrom-Produzentin aus Graubünden erzeugt in Süditalien genauso Strom aus Gaskraftwerken wie die «Axpo»-Tochter EGL. Andere Schweizer Stromunternehmen haben gar Beteiligungen an Kohlekraftwerken. Da stellt sich die Frage, ob der so produzierte Strom ökologischer ist?

Der Entscheid des Bundesrates und des Parlamentes, absehbar aus der Atomkraft auszusteigen, macht den Stromunternehmen das Leben auf jeden Fall nicht einfacher. Denn trotz zweifelhaften Vorgaben der Politik, bleiben die Gesetzmässigkeiten der Physik die gleichen. Und der Stromkonsum wird auch nicht massiv zurückgehen, wie dies einzelne Stromsparapostel predigen, sondern mit dem Wirtschaftswachstum weiter ansteigen. Daher wäre es bitter nötig, anstelle von ausrangierten Politikern und hochgedienten Parteikadern landauf landab endlich fähige Personen in die Aufsichtsgremien der Stromunternehmen zu entsenden. Leider passiert dies selten. Peinlicherweise ist dies jüngst bei «Alpiq» – der ehemals erfolgreichen «Aare Tessin AG für Elektrizität» (Atel) – fürs erste kläglich misslungen. Nach dem harschen Abgang des CEO hat bereits ein weiteres politisches Krustentier in der Teppich-Etage Platz genommen – der solothurnische Finanzdirektor Christian Wanner – im Nebenamt noch Präsident der Eidgenössischen Finanzdirektorenkonferenz.

Publiziert in der Schweizerzeit vom 14. Oktober 2011

16.10.2011 | 1578 Aufrufe