FRAUENFELD. Der Wigoltinger Bildhauer Gabriel Mazenauer wollte ein Dutzend Skulpturen in Romanshorn am Seeufer aufstellen. Spaziergänger und Freizeitkapitäne hätten sich gleichermassen erfreut an Mazenauers aneinandergereihten Quadern aus Eisen und Eiche, die den Gesetzen der Statik zu trotzen scheinen. Der Kunstgenuss bleibt jedoch aus. Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau hat ein Gesuch Mazenauers abgelehnt, seine Sommerausstellung mit 10 000 Franken zu unterstützen.

Darauf holte der streitbare Stettfurter Kulturpublizist Alex Bänninger, Verfasser einer Monographie über Mazenauer mit dem Titel «Ans Limit», mit einem Rundschreiben zu einem Rundumschlag gegen die Kulturstiftung aus. Unter anderem warf er ihr eine «Selbstbedienungsmentalität» vor; jetzige und frühere Mitglieder des Stiftungsrats hätten 2014 für Bücher 68 400 Franken erhalten. Er erinnerte daran, dass schon 2002 der Journalist Markus Schär auf die «milden Gaben» innerhalb der Stiftung aufmerksam gemacht hatte.

Unscharfes Kriterium

Bänningers Hauptkritik richtete sich jedoch gegen die «ideologische Engschnürung» und die «autoritäre und selbstgerechte» Fördermentalität. Unter den Kriterien für förderungswürdige Projekte fehle die «bei allen Fördergremien übliche kulturelle und künstlerische Qualität». Stattdessen stütze sich die Stiftung auf ihre «Vorstellung über zeitgenössisches künstlerisches Schaffen», die in «bedenklicher Unschärfe» formuliert sei. Die Stiftung orientiere sich tatsächlich «an dem in ihrem Kreis vorherrschenden persönlichen Geschmack», zu dem die Bevorzugung künstlerischer Kollektive und «grenzüberschreitender» Werke gehörten.

Bänninger warf einer Mitarbeiterin des Stiftungsbüros zudem vor, ein erstes Gesuch Mazenauers «nach oberflächlicher Prüfung» abgelehnt zu haben mit dem Hinweis, es handle sich um eine Diplomarbeit. Gemäss ihren Richtlinien unterstützt die Stiftung keine Diplomarbeiten. Laut Bänninger ist der Einwand «an den langen Haaren herbeigezogen und nachweislich falsch». Mazenauer hatte zunächst nur um einen Beitrag an die Monographie gebeten, deren Fotos der Romanshorner Marcel Strub für seine Diplomarbeit an der Zürcher Schule für Gestaltung gemacht hatte. Diese Arbeit wurde aber gründlich überarbeitet, ausserdem fehlte ihr Bänningers kunstkritische Einordnung von Mazenauers Werk. Der Sekretär der Kulturstiftung, Klaus Hersche, sei leider im Ausland gewesen, bedauert Bänninger. Er habe sich stets bemüht, «nicht mit dem Brett vor dem Kopf Probleme zu schaffen».

In ihrer Antwort an Bänninger betonte die Präsidentin der Kulturstiftung, Claudia Rüegg, zu den Förderkriterien gehöre «entgegen Ihren Einwänden» auch die künstlerische Qualität. Die Mehrheit der geförderten Projekte sei einer spezifischen Sparte zuzuordnen. Gemäss ihren Statuten sei es aber auch Aufgabe der Stiftung, Kulturschaffende verschiedener Bereiche zu einer gemeinsamen Arbeit zusammenzuführen.

Nach Bänningers fünfseitigem Rundbrief kritisierte auch der Romanshorner SVP-Kantonsrat Urs Martin in einer am 4. Mai eingereichten Interpellation mit 45 Mitunterzeichnern die Kulturstiftung als «Selbstbedienungsladen». Sie habe früheren und aktuellen Stiftungsräten und ihnen nahestehenden Organisationen zwischen 2010 und 2014 über eine halbe Million Franken bezahlt. Es seien nur 366 900 Franken gewesen, korrigierte ihn Stiftungspräsidentin Rüegg. Sie betonte in ihrer Antwort an Bänninger die «strenge Ausstandsregelung (Verlassen des Sitzungsraumes, kein Einblick in Unterlagen oder Protokolle)». Ausserdem würden zwei externe Gutachten eingeholt, denen «grosses Gewicht beigemessen wird».

Drei aktive Kulturschaffende

Drei der neun Stiftungsräte sind gemäss Gründungsurkunde Kulturschaffende, drei weitere müssen in der Kulturvermittlung tätig sein, bei den übrigen handelt es sich um Politiker. Die Stiftungsräte treffen sich jährlich zu rund sechs Sitzungen. Die Kulturstiftung erhält jährlich 1,1 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds, mit denen über 100 Projekte gefördert werden. Unabhängig davon vergibt das kantonale Kulturamt Förderbeiträge, die ebenfalls aus dem Lotteriefonds stammen.

Laut Stiftungspräsidentin Rüegg muss es den Stiftungsräten während ihrer Amtszeit möglich sein, «an ihren Projekten zu arbeiten und gegebenenfalls ein Gesuch an die Kulturstiftung zu richten». Sie hält es für wichtig, dass die Perspektive der Kulturschaffenden in die Entscheidungen einfliesst und «kein Verwaltergeist sich breitmachen kann». Ausserkantonale Kulturschaffende will man nicht holen, da ihnen der Thurgauer Bezug fehle, argumentiert der frühere Präsident der Kulturstiftung, Humbert Entress.

Vielleicht wird man diesen Punkt überdenken müssen. Urs Martins Forderung, dass Stiftungsräte während ihrer Amtszeit keine Gesuche stellen dürfen, wird nicht nur von rechts unterstützt. Anders als zur Zeit der Gründung der Kulturstiftung 1991 reagiert die Öffentlichkeit heute sensibler auf den Verdacht, Funktionsträger könnten sich bereichern.

 

Thomas Wunderlin, Thurgauerzeitung, 29. April 2016.

29.05.2016 | 1656 Aufrufe